Vortrag von Herrn Bischof Fernando Maria Bargallo

auf dem Tag der katholischen Schulen am 5. September 2002

Aportes para una mirada sobre la situación de la gente y de los jóvenes en Argentina y Latinoamérica

Einleitung

Sehr herzlich bedanke ich mich für die Einladung zu diesem Treffen. Ich weiss die Kühnheit derer zu schätzen, die, ohne mich zu kennen, wollten, dass ich heute zu ihnen spreche. Im besten Stil der Jugend, also ohne zu sehr über die Schwierigkeiten, in die ich mich begab nachzudenken und mit spontaner Verfügbarkeit, nahm ich an.

Zunächst einmal möchte ich gestehen: ich habe noch nie den Text einer Konferenz oder einer Predigt geschrieben oder abgelesen. Dies ist für mich somit eine völlig neue Erfahrung. Normalerweise schreibe ich die zentralen Ideen auf und im besten lateinischen Stil lasse, ich, dass die Inspiration mir die geeigneten Wörter zuführt. Und noch dazu auf Deutsch. Da ich die deutsche Sprache nicht beherrsche, fühle ich mich von dem Text "begrenzt". Sollte ich einen spontanen Kommentar am Rande hinzufügen wollen, könnte ich mich nur im Tarzan-Stil ausdrücken, z.B. "ich sprechen nicht gut deutsch". Ich gebe zu, dass die "finanzielle Begrenzung" in Argentinien mir eine gewisse Erfahrung bezüglich "begrenzt"- sein gibt, aber dies soll nicht heissen, dass man nicht lieber von beiden Begrenzungen befreit wäre.

Nun gut, Ihr heutiger Besucher ist kein Gelehrter, sondern ein "junger", "Latino- Bischof", der die deutsche Sprache nicht beherrscht Wenn auch mit etwas Furcht, bin ich glücklich an diesem , für die katholischen Schulen in Essen, so wichtigen Tage, unter Ihnen zu sein. Ich bitte Sie nun meiner gezwungenen Aussprache Geduld und Barmherzigkeit entgegenzubringen. Auch Vorstellungsvermögen, um das zu verstehen, was ich nicht klar auszudrücken vermag.

Ich habe eine besondere Sympathie für das deutsche Volk, diese entstand im Verlaufe der Zeit, dank anderer Besuche und ausgezeichneter deutscher und deutsch-argentinischer Freunde. Auch Bewunderung und grosse Dankbarkeit für die so reichhaltige Hilfe während all dieser Jahre von Adveniat und Misereor). Wir sind über die schlimmen Überschwemmungen, von denen Sie in den letzten Tagen betroffen wurden informiert und haben für all die geschädigten Menschen gebetet. Auch bin ich davon informiert, dass bald Wahlen stattfinden. Ausser diesen Nachrichten, die uns tropfenweise erreichen, bin ich mir bewusst, dass mir die Freuden und Schmerzen, die den Herzen des deutschen Volkes, der Kirche, der Jugend und ihnen als christliche Erzieher inne wohnen, unbekannt sind. Ich kann mir vorstellen, dass einige Ihrer Schwierigkeiten, denjenigen der Erzieher meines Landes sehr ähnlich sein müssen: Krisen in den Familien der Schüler, Fehlen eines Sinnes im Leben, Konsumgesellschaft usw. Andere sind sicherlich sehr eigen und verschieden.

Vor allem möchte ich das ausdrücken, was ich immer den Lehrern in meiner Heimat, die so sehr der Ermutigung und des Verständnisses, aufgrund der ungünstigen Umständen, in denen sie ihre Tätigkeit ausüben, bedürfen, sage: Ich bewundere ihre Berufung sehr!. Ich halte sie für eine der edelsten und schönsten aller möglichen Berufungen. Das Gute, das den Kindern und Jugendlichen hierdurch geboten wird, ist unermesslich. Nicht immer kann man dies sehen oder gar ernten. Wenn wir aber mit Freude, Grossherzigkeit und Liebe säen, wird Gott dafür sorgen, dass die Frucht gut und reichlich ist.

In meiner Schulzeit hatte ich die Gnade ausgezeichnete Lehrer zu haben ( obwohl einige nicht so gut waren ) Ich denke immer mit viel Dankbarkeit an sie. Sie haben durch ihre Darlegungen und der Grossmut ihrer Hingabe, sowie durch die Gerechtigkeit ihrer Kritik und das Vertrauen und Verständnis, das sie mir entgegenbrachten, aber hauptsächlich durch die Kohärenz ihres Glaubens mit ihrem Leben, eine tiefe Spur in mir hinterlassen.

Als ich dieser Tage für das Gelingen dieser Zusammenkunft, sowie für jeden von Ihnen betete, bat ich Gott, dass dieses Treffen, im Rahmen der Offenheit, des Dialogs und der Achtung aller, einen neuen und wahren Schritt Ihrerseits in unserem Leben bedeutet. Ich wage zu behaupten das Er als "Göttlicher Lehrer" derjenige ist, der an dem Ergebnis dieses Treffens am interessiertesten ist. Er ist derjenige, der am stärksten ersehnt , dass wir in unserer "Verantwortung für die eine Welt", wachsen.

Hier halte ich etwas ein und lege ein zweites Geständnis ab. Als mir das Thema des Treffens bekannt wurde, erlebte ich eine tiefgehende Erschütterung. Als ich die Vielseitigkeit und Reichhaltigkeit der Themen der Foren las, war ich sehr überrascht. Unglaublich!!! Wie ist so eine, die Realität der Welt umfassende Sicht, besonders der armen Welt möglich? In den Problemen des täglichen Überlebenskampfes meiner Leute begraben, fällt es mir manchmal schwer über die Grenzen meiner Diözese hinauszugehen, um meine eigene Verantwortung den anderen gegenüber zu erleben.

Es bewegt mich tief, es erstaunt und es ermutigt mich, Zeuge ihres herzlichen "Katholizismus" zu sein. Hiermit meine ich Ihre Fähigkeit das Herz zu öffnen, um in ihm das ganze Ausmass des Leidens und des Ausgeschlossenseins aufzunehmen.

Wie könnte man dann in der Verantwortung, die uns heute beschäftigt, wachsen ? Nicht von der Philantrophie allein, die von sich aus sehr wertvoll ist, und auch nicht von dem Schuldbewusstsein her, an einem privilegierten Ort zu leben. Der Schlüssel hierzu liegt darin, davon bin ich überzeugt, unsere gläubige, mitleids- und liebevolle Ansicht zu festigen. Sie hilft uns immer, von Grund auf, die kalte und entfernte Kategorie "der Anderen" zu überwinden, denn sie führt uns dazu, in ihnen unsere "Geschwister" zu erkennen, in denen Jesus lebt und in denen er heute weiterleidet "Was ihr dem geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan" ( Mat. 25)

Durch die Kräftigung dieser Ansicht und die Erneuerung der Freude und der Tiefe unserer christlichen Lehrberufung, werden wir für die Schüler treue Diener Christus sein. Sie haben Hilfe und Orientierung nötig, um ihre eigene Berufung und Verantwortung zu unterscheiden. Ich lade Sie, also ein, dass wir Gott anrufen, damit Er jetzt zwischen uns weilt, unsere Herzen und die Ihrer Schüler mit Seiner Gnade berührt und uns hilft damit dieses Treffen ausreichende Bekehrungs- und Barmherzigkeitsfrucht bringt: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Sinn meines Besuchs

Ich komme von weit her. Weit her sowohl im geographischen Sinne, als auch und besonders, im kulturellen und existenziellen Sinn. Der Sinn meiner Anwesenheit, so habe ich aus dem erhaltenen Fax entnommen, ist es, Ihnen die Reise in entgegengesetzter Richtung zu ermöglichen, um dadurch etwas mehr von der Realität und der Lage der lateinamerikanischen Völker, ihrer Leute und Jugendlichen kennenzulernen. Es ist mir bewusst, dass dieses Treffen auch die Kenntnis der Realitäten Afrikas und Asiens zum Ziel hat. Ich bitte Sie mich zu entschuldigen, dass ich Ihnen nicht auch zu einer "Reise" in diese Kontinente verhelfen kann, leider habe ich keinerlei Kenntnisse diesbezüglich.

Selbst von Lateinamerika als eine Einheit zu sprechen ist nicht einfach. Es stimmt, dass in vielen Aspekten die Lage unserer Völker sehr ähnlich ist, fast die gleiche Sprache, die gleichen kulturellen Wurzeln und der Glaube, geben uns eine gewisse Identität, die es uns ermöglicht, uns in fast jedem dieser Länder zu Hause zu fühlen. Lateinamerika wurde wegen seiner Armut und seiner vielen Tränen der Glaube in die Wiege gelegt und deswegen hat Lateinamerika in seinem Inneren viel Poesie, Schlichtheit, Dankbarkeit und Solidarität. Bei uns ist immer Zeit und Raum für Fest und Gesang. Einige legen das als Unbekümmertheit und Leichtfertigkeit aus. Für mich ist es ein Zeichen volkstümlicher Weisheit eines Volkes, das auf diese Weise gelernt hat sein Leiden zu lindern. Die Hoffnung und das Vertrauen in einen Gott der uns liebt, die Nähe und die Zuneigung Seiner Mutter, die auch die unsere ist, hat den Lebensstil und die Konzeption ganzer Generationen Männer und Frauen geprägt. "Gott wird vorsehen", "María hilf uns", sind übliche Ausdrücke, die täglich aus den gläubigen Herzen der einfachen Leute des Volkes entspringen. Es ist aber auch wahr, dass sich in diesen Zeiten vieles verändert. Und es ist nicht leicht die Mittel zu finden, die es uns erlauben zu begreifen was vorgeht. Zeiten des Wandels? Zeitenwechsel? Viel weniger noch begreift man die Richtung in die wir gehen.

Der Titel einer Veröffentlichung von Ives Congar lautet: "Vaste monde ma paroisse" - "Weite Welt meine Pfarrgemeinde". In dem kleinen Bereich seiner Pfarrgemeinde ist es ihm möglich die Schwierigkeiten der weiten Kirchenwelt zu entdecken. Seinen Titel umschreibend sage ich "Weite Welt mein Land". In ihm können wir erkennen was viele Personen, Familien und Völker, die die Situation der bis heute sogenannten "Dritten Welt" teilen, erleben und durchmachen.

Glauben Sie mir. Der Ruhm des reichen, "europäischen" und produktiven Argentiniens ist "Altes Testament". Es stimmt nicht mit dem überein, was die Mehrheit der Menschen erlebt, zumindest nicht bezüglich der ersten zwei Begriffe. Manch einer wird denken: "Es ist nur eine Krise", "Sie wird schon vorübergehen". Ihr Wort in Gottes Ohr - aber ich bezweifle es. Ich zweifle nicht daran, dass wir sie überwinden werden, denn ich habe theologale Hoffnung. Und vielleicht sogar vor anderen Ländern, in denen die Armut schon strukturell ist. Aber mit Sicherheit wird dies nicht einfach und schnell geschehen.

Situation Argentiniens

Um Sie krass in unsere Situation einzuführen, werde ich Ihnen einige Titel der Zeitungen dieses letzten Monats vorlesen. Es kann ermüdend sein, aber es lohnt sich um, aufgrund einiger Daten, einen Blick auf die harte uns betreffende Realität, zu werfen.

4. (vierter) August: "Nur 3% der Menschen haben die Möglichkeit, etwas zu sparen. Vielen reicht das Geld nicht bis zum Monatsende. Die wenigen, die einen Teil ihres Einkommens sparen könnten, geben es lieber aus, denn sie haben Angst vor Überfällen. Sie riskieren es auch nicht es auf einer Bank zu deponieren".

7. (siebter) August: "70% der Jugendlichen unter 18 Jahre sind arm oder notleidend. Das sind 8.600.000 Personen (Kommentar: Doppelt soviel wie die Bevölkerung Costa Rica's, dreimal soviel wie die Panamas). Die Mehrheit ist notleidend, das heisst das Einkommen ihrer Familie ist geringer als 300 Pesos ( heute etwa u$s 83). Im Dezember (2001) war der Prozentsatz ( armer Jugendlicher ) 56.4%, also etwa 7.000.000 Kinder."

Am selben Tag (Titel): "Die Armut ist nicht für alle gleich. (Nachricht): Während in der Bundeshaupstadt (Buenos Aires), die Armut 24% der Bevölkerung betrifft, stieg diese in der Region 4 des Gross Buenos Aires auf 77%, das heisst, 2.500.000 Personen. Von dieser Zahl lebt mehr als die Hälfte in äusserster Armut". In dieser Zone von Gross-Buenos Aires liegt meine Diözese Merlo-Moreno.

21. (einundzwanzigster) August: "Rekordziffer von Leuten auf Arbeitssuche (in der Bundeshauptstadt und Gross- Buenos Aires). 3.200.000 Personen suchen Arbeit. Es handelt sich um 60.2% der arbeitsfähigen Personen. (Würden diese Zahlen auf das ganze Lande projiziert, so ergäbe dies 8.6 Millionen Personen auf Arbeitssuche, das heisst 23% der Gesamtbevölkerung und nicht nur der aktiven Bevölkerung)."

Machen wir noch ein bisschen weiter? Trauen Sie sich? Es fehlen nur noch zwei.

22. (zweiundzwanzigster) August: "Die Gehälter sind durch die Abwertung um 25% gefallen. Die Hälfte der 8 Millionen Arbeiter in Angestelltenverhältnis im ganzen Land verdienen weniger als $ 400" (heute etwa u$s 111).

Am selben 22. August: 53% der Argentinier lebt unter der Armutsgrenze. In gerade einmal einem Jahr sind 6,15 Millionen neue Arme hinzugekommen. Jetzt leben 19 Millionen Personen in dieser Situation. Die Anzahl der Notleidenden, also der im Elend lebenden, stieg noch schneller. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder.

Diese Titel stellen den enormen wirtschaftlichen Rückgang dar, den mein Land zur Zeit durchmacht, und zwar durch die gewaltige Explosion einer Krise, die vor sechs Jahren aufgrund einer stetigen und ansteigenden wirtschaftlichen Rezession, begann.

Aus dem Herzen meiner Leute steigen, wie konfuse und erschütterte Rufe, dieselben Fragen, die sie sich wahrscheinlich auch stellen: Was ist mit uns los?, Was ist mit Argentinien los? Haben wir den Tiefpunkt erreicht? Oder können wir noch weiter abfallen? Wird die Situation je besser werden? Wenn wir die Situationen in beinahe ganz Lateinamerika analysieren, könnten wir diese Fragen auch im Namen der anderen Länder stellen.

Es ist nicht übertrieben, wenn ich Ihnen sage, dass sich bei dem grössten Teil der Leute eine tiefer Mangel an Lebensorientierung verallgemeinert und eingefleischt hat. Wir leben in einem Zustand der Erschütterung. Die Notwendigkeit "etwas zu machen" um die Situation rückgängig zu machen, schlägt stark in das Bewusstsein eines jeden. Aber im Moment der Entscheidung "was machen"? sind die Probleme so gewaltig und komplex und die Lösungen liegen so weit ausserhalb der Reichweite der Möglichkeiten des Einzelnen, dass man das Gefühl hat, dass wir es nie schaffen werden aus dem Abgrund, in dem wir uns befinden, herauszukommen.

Ich werde die Überlegungen eines jungen argentinischen Theologen , Marcelo Gonzalez, verwenden, werde sie aber mit eigenen Wörtern wiedergeben, Die derzeitige Erschütterung ist nicht auf einen Bruch eines Teilaspektes des Lebens der Nation zurückzuführen, sondern auf den Verlust zweier grundlegender Elemente der Lebensorientierung: Der Boden und der Horizont. Der argentinische Boden wurde kollektiv immer, als unermesslich, unerschöpflich und fruchtbar vorgestellt und aufgefasst. Wir wuchsen mit der Gewissheit auf, nicht nur in einer Kornkammer voller Nahrung zu stehen, sondern auch auf einer Quelle voller Talente in allen Bereichen. Eine gute organisierte Arbeiterschicht und ein starker Mittelstand waren unsere Besonderheit. Die derzeitige Krise hat die Wirkung eines Erdbebens gehabt. Der Boden ist voller Spalten, und wir können keinen festen Grund erreichen, auf dem man wieder die Grundlagen eines Vaterlandes aufbauen könnte. Der argentinische Horizont wurde oft in Analogie mit der Pampa ausgelegt. Auf dem Flachland stehend wandert der Blick ohne Hindernis in die Ferne, immer weiter, es steht ihm nichts im Wege. Das Reiten, so charakteristisch für unser Land, schenkt uns die Möglichkeit immer weiter voran zu gehen, bis zu einem Teich, dem Wald oder einem alleinstehenden Ombu... all das ist wie ein großes Symbol unseres Landes: immer mehr Möglichkeiten, immer mehr sozialer Aufstieg, immer mehr Leute die kommen wollen. Aber der Horizont ist auf brutale Weise verschwunden. Die Generation, die sich darauf vorbereitete auszuruhen und das Gesäte zu ernten, muss als wandernde Lohnarbeiter um Arbeit betteln. Die Jungen fragen, laut oder still, ob es morgen überhaupt noch etwas geben wird. Viele fragen sich wo das Land ihrer Grosseltern ist, und sind bereit den Weg ihrer Vorfahren in umgekehrter Richtung wieder zurückzulegen.

Wie wünschte ich mir Ihnen ausdrücken zu können, was die einfachen Leute zu ertragen und zu erleiden haben. Die Wirtschaftsdaten, die ich Ihnen vorlas sind kalte Zahlen. Es ist wichtig sie zu kennen, aber man kann daraus nur auf indirekte und oberflächliche Weise ableiten, wie sich so eine Situation auf das tägliche Leben der Personen und der Familien auswirkt. Es ist schwierig geworden zu leben und für viele, praktisch unmöglich. Das gezeugte und erhaltene Leben zu wahren und sogar das Elementarste was hierzu benötigt wird: essen, wachsen, zum Arzt gehen können, sich waschen können, Beziehungen knüpfen, lehren, lernen, arbeiten, sich fortzubewegen, ist zu einem täglichen Kampf geworden. Für die Mehrheit der Argentiner ist dies das Erste was sie bei Tagesbeginn erleben. "Mutatis mutandi" geschieht ähnliches in ganz Lateinamerika, und, wie wir auch gut wissen, in Afrika und vielen Ländern Asiens.

Situation meiner Diözese

Ich ihnen jetzt etwas aus meiner Diözese, von der Situation meiner Leute erzählen. Ich ändere jetzt den vorhergehenden Ausdruck und sage "weite Welt meine Diözese". Einige Zahlen: 850.000 Einwohner, 35 Diözesanpriester und 20 Ordenspriester, 34 Pfarreien und 142 Filialkirchen.

Ausser einer kleinen guten Wohngegend, die kulturell und wirtschaftlich besser dasteht, ist die "Landschaft" (ich bitten den Euphemismus zu entschuldigen) folgende: Ungeteerte Strassen, Holz- und Blechhütten oder nicht fertiggestellte Materialhäuser. Wenige Räume: einer oder zwei zum Schlafen, ein anderer zum Essen (Das Bad/Die Toilette ist im allgemein draussen). Und viele Kinder. Städtische Infrastruktur? Nur 35% haben laufendes Wasser und Anschluss an die Gasleitung und nur 15% Kanalisation. Wenn der Strom nicht bezahlt werden kann, wird er direkt von dem Strassennetz abgezapft. Die Kinder gehen zumeist zur Schule. Ob sie was lernen? Das Elementarste. Das wichtigste ist, dass sie in der Schulkrippe Essen bekommen. Fehlen bedeutet für viele Kinder den ganzen Tag fasten zu müssen. Die Jugendlichen werden fehlen häufiger. Ich weiss nicht wieviele die Sekundarschule beenden werden. Es berührt mich tief, wenn ich in sehr armen Vierteln, einige, wenige, treffe, die versuchen einen Schulabschluss zu erlangen und hierfür mit Courage jede Art von Schwierigkeiten überwinden. Die Mehrheit , etwa 70%, ist nicht dort geboren. Sie kamen langsam während der letzten 20 Jahren aus dem Norden des Landes und aus den Nachbarländern, Paraguay und Bolivien. Von dem Glanz der grossen Stadt (Buenos Aires) angezogen und mit der Illusion ihre Lebensbedingungen zu verbessern mussten sie entdecken, dass es nicht so einfach ist wie es aussieht. Aber da sie in ihren Orten ihrer Herkunft noch weniger Chancen haben, entschlossen sie sich trotz alledem zu bleiben.

Das grösste Drama ist aber die übermässige Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, die alle betrifft. Sei es weil sie selbst davon betroffen sind oder weil ein Mitglied der Familie in dieser Lage ist. Die Konsequenzen sind jedenfalls auf allen Ebenen verderblich.

An erster Stelle und vor allem für den Arbeitslosen selbst, Mann oder Frau. Handelt es sich um eine Frau und ist sie zudem Familienoberhaupt, eine Situation, die immer häufiger zu sehen ist, um so schlimmer: Zur Mühe, alleine eine Familie durchzubringen, kommt das Angstgefühl hinzu, sie nicht unterhalten zu können. Morgens aufstehen ist die erste Mühsal, denn sie weiss nicht, was sie mit ihrem eigenen Leben anfangen wird, und wie sie ihre Kinder ernähren wird. Die Kampfbereitesten, haben hoffnungsvoll alle möglichen Arbeitsstellen abgelaufen: Fabriken, Unternehmen, Gemeindeverwaltung usw. Sie haben bis zum Übermass immer wieder dieselbe enttäuschende Antwort gehört "es gibt keine Arbeit". Dieser Teufelskreis beginnt die Luft abzuschnüren und der Horizont wird schmaler. Ohne Einkommen kein Auskommen. Wollen sie mit der Arbeitssuche fortfahren, so haben sie schon nicht mehr das für den öffentlichen Transport erforderliche Geld . Die Geisteskraft nimmt ab und sie haben nicht einmal mehr die Kraft die eigene Hütte herzurichten oder auszubessern. Die psychologische Depression und Existenzangst, sind wie schwarze Wolken, die den Geist des Arbeitslosen bedrohen und oft über ihm zusammenbrechen.

An zweiter Stelle stehen die Familien. Die Arbeitslosigkeit zerstört nicht nur den "Wohlstand" des Betroffenen, sondern beginnt auch den Familienbeziehungen zu schaden. Strei unter den Eheleuten, Beschämung und Schuldgefühl vor den eigenen Kinder, Vorhaltungen und Vorwürfe sind ein bitteres Brot das viele Heime vergiftet. Die Kinder und Jugendlichen leiden am meisten unter dieser Situation. Die an einigen Orten schon festgestellten Fälle von Unterernährung, erscheinen als ein Warnsignal für den Ernst der Lage. Obwohl es sich um ein fruchtbares und produktives Land handelt, mag es widersinnig klingen, aber es wäre dumm es zu bestreiten: heute ist der Hunger eine konkrete Realität in der Mehrheit der Familien meiner Diözese . Wie wird diese Situation erleichtert? Mit einer Arbeitslosenunterstützung für die Familienoberhäupter in Höhe von U$S 41,- im Monat. Nicht alle bekommen diese Unterstützung. Mit Schulspeisesälen für die Kinder Und mit den Pfarrspeiseräumen: Hauptsächlich Reis, Nudeln und Polenta (Maismehl). Wie werden diese unterhalten? Dank der Solidarität derjenigen, die noch etwas zu geben haben. Und dank einem Heer einfacher, armer und gläubiger Frauen, die, mit einem Herzen so gross wie dieses Gymnasium, von Tag zu Tag, mit der Kraft ihrer Liebe und ihrem Einsatz für das Leben die wunderbare Brotvermehrung vollziehen. Wenn ich sie besuche oder sie treffe, fühle ich mich gezwungen barfuss zu gehen, wie jemand der auf heiligem Land läuft. Gesegnet sei Gott, dass er die Frau so kräftig und gleichzeitig so zärtlich geschaffen hat, damit sie das Leben schützen und hegen kann.

An dritter Stelle für die ganze Gesellschaft. Wenn sich das Elend verallgemeinert, wächst die schädliche Wirkung auf die Gesellschaft unverhältnissmässig, da unkontrollierbare Vorgänge ausgelöst werden, die die Regierungen nicht mittels gewöhnlicher Massnahmen bewältigen können. Die Armutsgrenze zieht hier auch noch andere schwarze Wolken an: Soziale Konflikte und Gewalttätigkeit verschiedener Grössenordnung. Von dem Strassenprotest (piqueteros), der wahllosen Zerstörung (Banken, Polizeireviere, öffentliche Gebäude, usw.), den Überfällen und das Verbrechen, bis zu dem Extrem der organisierten Guerilla. Diese ist, Gott sei Dank, bei uns keine Bedrohung, zumindest nicht offensichtlich, sondern nur in einigen Ländern Lateinamerikas, im Falle Kolumbiens hat sie riesige Ausmasse.

Kurze Angabe der Ursachen

Dies ist, so glaube ich, nicht die Gelegenheit, lange die Ursachen dieser Situation zu analysieren.

Es gibt innere Ursachen, die sehr schwerwiegend sind und deren Erwähnung für mich beschämend sind: Allgemeine Korruption, Steuerhinterziehung, unwirksames und parteiisches Justizsystem, Mangel an Solidarität, unfähige Führungskräfte, Mafias und Verbrechen jeder Art (zur Zeit ist der "Secuestro expres", "Express-Entführungen", Mode) , usw. usw. All dies betrifft auch uns und fordert auch uns Hirten heraus. In einem Land, in dem die Mehrheit sich als christlich bekennt, ist es nicht leicht die derzeitige Krise zu erklären, ohne einen ernsthaften Bruch zwischen dem Glauben und dem Leben, der Katechese und der Verkündigung der sozialen Moral zu sehen.

Es gibt auch äussere Ursachen, die nicht zu übersehen und nicht weniger schwerwiegend sind. Obwohl ich als Simplizist bezeichnet werden könnte, glaube ich, dass Sie es verstehen werden, wenn ich sie zu einer einzigen zusammenfasse: Die Hegemonie des sogenannten "neoliberalen" Systems. Die aufgrund einer rein ökonomischen Auffassung des Menschen aufgezwungene Politik, bei der die Gewinnsucht und der Markt vorherrschen (Internationaler Währungsfond, Internationale Kreditinstitute und demzufolge die mächtigeren Staaten) hat unheilvolle Folgen. Statt uns den versprochenen Wohlstand zu verschaffen, ist diese Politik eine wichtige Ursache des argentinischen Bankrotts, sowie auch des Bankrotts vieler anderer Staaten (gestern waren wir "Musterschüler", heute wird uns eine exemplarische Strafe auferlegt).

Es ist interessant zu hören was Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaft, äusserst kritisch dieser Politik gegenüber, hierzu zu sagen hat. Mit einer Einfachheit, die sogar ein Laie versteht, sagt er bezüglich der unzahlbaren und ungerechten Auslandsschuld: "Jedes Darlehen hat einen Leiher und Verleiher. Sie wurden nicht gezwungen uns ein Darlehen zu erteilen, aus diesem Grund müsste im Problemfall die Verantwortung geteilt werden."

Vor einigen Tagen redete er vehement auf seine Zuhörer ein und warnte sie bezüglich der heutigen prioritären Sorge der argentinischen Regierung: Ein Abkommen mit dem IWF zu erreichen. "Traut diesem Abkommen nicht" sagte er. Ist der Preis dafür eine grössere Kontraktion der Wirtschaft und eine Umstrukturierung, die eine akzeptable Verteilung des Reichtums verhindert, dann ist sie es nicht wert. Die Kosten werden höher sein, denn das Geld das vom IWF kommt, wird nicht in die argentinische Wirtschaft fliessen, sondern es wird wieder zum IWF zurückkehren. Wie soll man sich an solch einem Kreuzweg orientieren? Wie kann man aus dem Teufelskreis herauskommen? Wird die Armut, wenn auch nur zu Anfang, mit der Reaktivierung der Wirtschaft bekämpft und werden hierzu Darlehen benötigt, die nur die mächtigen Länder erteilen können; dann drohen diese Darlehen jedoch damit, aufgrund der Bedingungen in denen sie erteilt wurden, die Situation zu verschlimmern und zu einer grösseren Verschuldung und Abhängigkeit zu führen, so wird dann die menschliche Besserungsperspektive zu einer Illusion.

Situation der Jugend

Nun wollen wir die Situation der lateinamerikanischen Jugend betrachten. Eine Tatsache die zu beachten ist: Das Alter von 60% ( das heisst, 303 Millionen) der gesamten Bevölkerung Lateinamerikas liegt unter 30 Jahren (Schätzung Jahr 2000).

Es ist heutzutage sehr schwierig sich der Welt der Jugend zu nähern. Wenn ich gefragt werde: Wie sehen Sie die Jugend? Antworte ich sofort mit dieser anderen Frage: Auf welche Jugend beziehen Sie sich? Normalerweise ist der Blick auf die Jugend ein biologischer: "Übergangsetappe von 15 bis 25 Jahren" oder in einigen Fällen, von 12 bis 30 Jahren. Dies ist keine Einschätzung die uns sehr hilft , denn sie vereinfacht die Analyse und lässt den Blick auf die Kontraste beiseite, indem sie die Vielschichtigkeit unterschiedlicher Eigenschaften unter einer chronologischen Angabe (das Alter) zusammenfasst: Opulenz und Marginalisierung, Städtisches und Ländliches, der Student und der Schulabbrecher, usw.

Wenn wir stattdessen, den psychologischen Standpunkt anwenden, kommen wir der Lebensrealität etwas näher, wenn auch nicht ausreichend. Die evolutive Wachstumsetappe, der Aufbau der eigenen Identität und des Lebensprojektes, die Suche nach einem Ort auf der Welt ist nicht bei allen lateinamerikanischen Jugendlichen ein linearer und eindeutiger Vorgang Die Voraussetzungen sind verschiedenartig: Familie, soziale oder kulturelle Gruppe, soziale Kommunikationsmittel, Schule , usw. Eine besorgniserregende Information, die in Betracht zu ziehen ist, ist die Zunahme von Diagnosen die von Verwundungen im Gefühlsbereich und psychologischen Gleichgewichtsstörungen der Jugendlichen sprechen. Aus verschiedenen Gründen leiden heute viele an einem generalisierten Mangel an Zuneigung und persönlichen Beziehungen.

Vom soziologischen Standpunkt aus gesehen, ist die Jugend Lateinamerikas auch keine homogene Realität. Verschiedene Sektoren, aufgrund verschiedener sozial-wirtschaftlicher oder kultureller Bedingungen, zeigen uns die verschiedenen Gesichter der jungen Lateinamerikaner. Da sind die jungen Bauern oder Landarbeiter, die jungen Studenten, die jungen Arbeiter oder Fabrikarbeiter, die Jungen in kritischer oder gefährdeter Situation , die jungen Indianer, die jungen Afroamerikaner, usw.

Ohne Zweifel ist der kulturelle Gesichtspunkt derjenige, der praktisch alle sozialen Bereiche durchdringt und der es ermöglicht, uns besser der jugendlichen Welt zu nähern. Aber er ist auch der komplexeste, denn die bekannten Karten sind unnütz. Es ist nicht leicht als Erwachsener dies zu erkennen. Im Bestreben alles mit Etiketten zu versehen, erscheinen dann Ausdrücke wie "die heutige Jugend ist postmodern", damit will alles gesagt sein, es ist jedoch nur ein Klischee das wenig erklärt. Manchmal ist es traurig strenge Urteile zu hören wie zum Beispiel "das einzige woran sie interessiert sind ist einen schönen Moment zu verbringen, Bier zu trinken und Musik zu hören", "sie führen ein Liebesleben mit der Natürlichkeit mit der sie ein Eis essen.", "unsere Jugend, die war gut, wir waren Idealisten und voller Kompromisse und nicht apathisch und Individualisten wie Ihr!". Im besten Fall ist dies ein Zeichen von Unkenntniss und Ratlosigkeit vor dieser Realität, die sie aufgrund der schnellen und tiefen Veränderungen einer nicht so fernen Vergangenheit, überwältigt. Und dies ist verständlich. Ich erkläre:

Meine Jugend spielte sich in den siebziger Jahren ab. Das "kulturelle Modell" gab uns eine ziemlich definierte soziale Rolle vor: Wir waren "rebellisch" (Ich hoffe es weiterhin zu sein, zumindest in den Aspekten, in denen es wichtig ist nicht nachzugeben), und wir hatten eine Aufgabe zu erfüllen: die etablierte Ordnung in Frage zu stellen und versuchten sie zu verändern. Auf den Wegen Gottes bin ich auf diese Weise Priester geworden. Viele meiner Freunde wählten leider den Weg der Gewalt und sind heute "Verschwunden(e)". Andere fanden, hauptsächlich in der Kirche Wege sich zu beteiligen und sind führende Persönlichkeiten in verschiedenen Gemeinschaften. Das Interpretationsschema der Eltern war: "Es sind jugendliche Torheiten", "es wird schon vergehen, sie werden schon vernünftig werden". In den meisten Fällen erfüllte sich ihre Prognose.

Heute sind die sozialen und kulturellen Koordinaten, in denen die Jugendlichen leben und aufwachsen, völlig verschieden. Es gibt praktisch kein Gesellschaftsmodell und die traditionellen, ermutigende Werte (Gerechtigkeit, Sparsamkeit, Fleiß, Erziehung, Familie), die eine gewisse soziale Ordnung bildeten, sind äusserst geschwächt. Die grossen Projekte, die auf der Idee des Fortschritts beruhten, sind gescheitert. Es sieht so aus als ob die pragmatischen Alternativen, die zum schnellen und einfachen Erfolg führen wichtiger sind. Der Anstieg der Korruption, oder zumindest das öffentliche Bewusstsein derselben, verursacht viel Misstrauen den Institutionen und den traditionellen sozialen Organisationen gegenüber: Gewerkschaften, politische Parteien, ...und sogar die Kirche. Die Erwachsenen selbst sind schon kein wichtiger Bezugspunkt mehr für ihre Reife, denn sie sind ihnen, mit ihren Zweifeln und Konflikten, ihrer Art zu denken, zu kleiden, sich zu unterhalten, sehr ähnlich. Es herrscht die Kultur des Schauspiels, der Bilder ( Videoclips), des Konsums, des Vergänglichen. Und vor allem das wachsende Ausgeschlossenseinund die Marginalisierung verursacht in den Herzen so vieler Jugendlicher, das Drama eines Lebens ohne Zukunft.

Vorher sprach ich von "Boden" und "Horizont" ; die grösste Herausforderung in der Arbeit mit Jugendlichen besteht heute darin, dass sie ihr Leben mit geringer Verwurzelung und fehlender Zukunftsperspektive leben müssen. Fehlende "Verwurzelung", weil sie von einer Lebenskultur wie von einem starken Strom mitgerissen werden, der zu einer Lebensart ohne Wurzeln führt, also zu so etwas wie totaler Verirrung. Für viele ist es wichtiger den Genuss selbst zu erleben, als die Tatsache dass dieser uns irgendwo hinführt. Das Leben wird eher als die Aufführung eines Theaterstücks ohne Skript das es zu rezitieren gäbe empfunden, anstatt als eine Aufgabe oder als ein Projekt. Und dies verknüpft sich mit der Zukunftslosigkeit. Aufgrund der sozialen Krise werden die Optionen, die sich den Jugendlichen bieten, ständig geringer. Gemäss ihrer Lage in der sozialen Skala, den Verhaltensrichtlinien und den Bestrebungen, die sie haben, hat der Fächer, der sich ihnen öffnet zwei Extreme: der "privilegierte" Kreis derer, die sich in den Konsum integrieren können und , das andere Extrem, nämlich die harte Lehre des täglichen Überlebens.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Phänomen Jugend nun leicht mit der Vorstellung von Apathie und Resignation verbunden wird, dies wäre vor kurzer Zeit undenkbar gewesen. Die existenzielle Erdrückung oder Angst, sowie die Unfähigkeit zu reagieren oder zu kämpfen (Willenslähmung, Apathie), die oft bei jungen Leuten zu sehen ist, hat mit dieser Entwurzelung und der Zukunftslosigkeit zu tun. Wie soll man in dieser Lage ein Lebensprojekt ausarbeiten? Ist es nicht ungerecht, ihnen vorzuwerfen, dass sie ausschliesslich die Gegenwart wertschätzen?

Die Anwesenheit der Jugendlichen und ihrer Jugendkultur, wirft sowohl in Argentinien als auch in ganz Lateinamerika, das Thema des Zusammenlebens, wie die Anthropologen sagen, mit "dem anderen Nahestehenden" auf. Es handelt sich nicht um den Bewohner eines fremden oder exotischen Landes, sondern um jemanden, der die selbe Geographie und Sprache teilt, der aber "ein Anders-Sein" bezüglich der Art, in der wir mit der Umwelt Beziehung aufnehmen, darstellt. Die traditionellen Parameter auf denen sich der Gemeinsinn der Gesellschaft begründete wird verändert und auseinandergenommen. Mir scheint, dass wir nicht mehr alles einem einfachen Generationskonflikt zuschieben können.

Nun lege ich ein drittes und letztes Geständnis ab: Auch mir, obwohl ich seit 8 Jahren in meinem Land in der Jugendpastoral arbeite und diesen Dienst im CELAM (lateinamerikanischer Bischofsrat) seit 3 Jahre leiste, fällt es schwer mich von meinen interpretativen Parametern zu lösen und der derzeitigen Jugendkultur (oder Subkultur) auf den Grund zu gehen. Sobald ich glaube, dass ich ihre Codes und Kosmovision begriffen habe, erscheint etwas Neues und stellt die erreichte Gewissheit in Frage. Meine Auslegung ist, dass die sogenannte "Jugendkultur" eine äusserst vieldeutige Realität ist. Sie weist Realitäten auf "die im Entstehen sind" und die sich im Wirbel der derzeitigen kulturellen Krise nie endgültig absetzen.

In diesem Zusammenhang und als ein der Jugend nahestehender Bischof, möchte ich nun Zeugnis über Anstrengungen, das Engagement und die Werke, die ich in ihnen sehe, ablegen; die mich ermutigen sie weiterhin von meiner pastoralen Mission aus zu begleiten.

Entgegen dem was viele denken, überraschen uns die Jugendlichen durch die Ernsthaftigkeit ihres eingegangenen Engagements, wenn wir ihnen die Beteiligungsmöglichkeiten geben und Verantwortungen an sie abtreten. Es gibt eine grosse Übereinstimmung darüber, dass in Lateinamerika die Jugendpastoral ohne Zweifel sehr engagierte Priester und Erwachsene (wenige) hat. Aber in allen Ländern sind es die Jugendlichen selbst, die diese Pastoral beseelen. Dies wurde durch einen fortwährenden historischen Verlauf gefestigt, vom CELAM seit 1979 gefördert und angeregt. In dem Maße, dass in dem Vorgang des Glaubenswachstums, der Protagonismus der Jugendlichen selbst schon ein grundlegendes und orientierendes Prinzip der Pädagogik, der Methodologie und der Organisation der Pastoral ist. Sie wissen dass sie aktive Darsteller ihrer eigenen Vorgänge sind und dass sie die ersten und unmittelbaren Evangelisatoren anderer Jugendlicher sind.

In diesem Zusammenhang bringe ich Ihnen dieses einfache Heft zur Ansicht. Es handelt sich um einen "pastoralen Beitrag", vollständig von den Jugendlichen angefertigt, und von mir unter lehramtlichen Gesichtspunkten überprüft; Es wurde von den Jugendgruppen (über die ich gleich sprechen werde) im Jahre 2001 in ganz Argentinien verwendet (Hierzu sei zu sagen: Dieses Jahr wurde auch eines angefertigt, es konnte aber bisher noch nicht veröffentlicht werden, weil die Mittel dazu fehlten. Es wurde per e-mail im Land versand, einschliesslich Paraguay und Chile. Der Widerhall war so gut, dass es dank Adveniat, bald gedruckt und weiter verteilt werden wird., besonders an Orte, die nicht über e-mail verfügen.) Ich fahre fort: Die thematische Achse ist die von "Ecclesia in America". Jesus Christus, Weg der Veränderung-Bekehrung, der Einheit-Kommunion, der Liebe-Solidarität. Dieser dritte Teil steht direkt mit dem Thema Übernahme der Verantwortung für Andere im Zusammenhang. Ich lese einige Titel vor: "Protagonisten der Geschichte", "Die Anderen sind keine Bedrohung", "Von ganzem Herzen lieben", "Das Gemeinwohl - eine Verpflichtung für alle". Persönlich bewundere ich die Kreativität und Tiefe zu der sie fähig sind, sowohl in der Behandlung der Themen, als auch in dem Vorschlag zur Abhaltung liturgischer Feiern und Gebete.

Den Jugendlichen Vertrauen entgegen zu bringen, heißt also, ihre Kreativität zu wecken...

Nun zurück zur Jugendpastoral: Wie legen wir diesen Weg zurück? Der fundamentale Schlüssel hierzu ist, dass die Jugendlichen eine lebendige Erfahrung aus der Begegnung mit dem lebenden Jesus machen konnen. Der Weg hierzu ist die Pädagogik Jesu aufzunehmen, das heisst nicht vereinzelte Aktionen zu unternehmen, sondern sie einzuladen einen Wachstumsprozess in kleinen Gruppen oder Gemeinschaften (normalerweise versammeln sie sich einmal in der Woche im Bereich der Pfarre oder der Kapelle) zu leben. Dies erlaubt ihnen sich zu öffnen lernen, Antworten auf ihre Fragen zu suchen; das von ihnen Aufgebaute zu schätzen; zu reifen indem sie sich den anderen und dem Evangelium sowie tieferen Motivationsgründen aussetzen und so nach und nach ein eigenes Lebensprojekt erarbeiten.

Diese Gruppen oder Gemeinschaften sind in den ärmsten Bereichen und Randgebieten lebenswichtig. Die Kirche ist praktisch die einzige, die ihnen die Möglichkeit zu Wachstum, Partizipation, Sozialisierung gibt, und, selbstverständlich, zur Öffnung für die transzendente Dimension des Lebens. Das Erlebnis eines persönlichen gemeinschaftlichen Treffens mit Jesus Christus erlaubt ihnen sich selbst zu respektieren und sich selbst und Andere zu schätzen. Es erlaubt ihnen auch zu erkennen, dass es andere Weisen zu sein, zu denken, zu handeln zu leben und zu lieben gibt.

Wer den Jugendlichen Individualisierung und Haltlosigkeit vorwirft, muss sich also umgekehrt die Frage gefallen lassen, wie viel an Gemeinschaft er ihnen ermöglicht...

Normalerweise, und in dem Masse in dem sie in ihrem christlichen Leben wachsen, verpflichten sie sich auch allmählich Verantwortung zu übernehmen, sowohl pastoraler als auch sozialer Art. Am häufigsten übernehmen sie in der Kirche die Aufgabe als Katechet zur christlichen Einführung in ihren eigenen Gemeinschaften, oder sie beginnen als sogenannte "animadores" neue Jugendgruppen zu begleiten. Sozial gesehen pflegt dieses Engagement von Tätigkeiten eher assistenzialistischer Art ( Besuche von Altersheimen, Organisation von unterhaltenden Veranstaltungen für Kinder, Mithilfe bei Speiseprogrammen) seinen Ausgang zu nehmen und dann in Tätigkeiten, die mehr auf menschliche Förderung hinzielen, einzumünden: Schulhilfe für Kinder mit Lernschwierigkeiten, gemeinsame Kleinunternehmen, Aktionen zur Gesundheitspflege oder Suchtsvorbeugung.

Wo Gemeinschaft wächst, wächst auch soziales Engagement...

Eine besonders interessante Erfahrung in Argentinien war folgende: Letztes Jahr haben wir erreicht, dass uns die Dirección Nacional de Juventud eine Geldunterstützung ( damals waren es u$s 10.000) zur Verfügung stellte, um einen nationalen Wettbewerb solidarischer Projekte durchzuführen, die ausschliesslich von Jugendlichen erarbeitet und durchgeführt werden sollten. Dies hatte ein doppeltes Ziel: einerseits solidarische Handlungen zu fördern und die Jugend anzuregen ihre Fähigkeiten zur Erarbeitung eines konkreten und durchführbaren Projekts zu entwickeln. Dieser Vorschlag wurde von einer Zeitschrift, die alle zwei Monate erscheint und die wir unentgeltlich an alle Pfarren des Landes senden, veröffentlicht. Da wir nicht so organisiert sind wie Sie, war die Zeit die ihnen zur Erarbeitung des Projektes verblieb, zwischen dem Erscheinen der Zeitschrift mit den entsprechenden Anweisungen und dem Termin zur Einsendung der Projekte sehr kurz: praktisch nur ein Monat. Wir waren uns der Ergebnisse nicht gewiss. Wir waren eher etwas skeptisch.

Mit grosser Überraschung erhielten wir etwa 43 Projekte aus den verschiedensten Orten unseres Landes. Auch die Unterschiedlichkeit war sehr erstaunlich: viele bezogen sich auf Arbeiten mit gefährdeten Kindern und Jugendlichen und schlugen Erziehungsaufgaben vor, Schaffung von Räumen für Spiel und künstlerischem Ausdruck, Fussballschulen, Unterstützung von Heimen für Strassenkinder , ökumenische Lager zur Ausbildung und Solidarität usw. Andere bezogen sich auf Aspekte ihrer Umwelt: Besserung der Ziegenproduktion; Errichtung von Windmühlen zur Wassergewinnung in einer sehr trockenen Gegend; Ingangsetzung, gemeinsam mit anderen Organistaion, eines UKW-Senders in einer sehr abgelegenen Gegend, usw. Ein Projekt zugunsten lediger, schwangerer Frauen, ein anderes für Jugendliche mit Suchtsproblemen.

Es geht darum: Verborgenes wecken, Vorhandenes stärken, Getanes belohnen...

Eine andere interessante Erfahrung war die Einladung zu einer gemeinsamen Versammlung, die wir von der Jugendpastoral aus, an nationale jugendliche Führungskräfte aller Arten von Organisationen: Gewerkschaften, politische Parteien, Universitätsverbände, Solidaritätsgruppen, usw. schickten. Es war das erste Mal , dass wir uns zu einer Versammlung dieser Art trauten. Das Thema war: Die nationale Jugendpolitik. Wieder waren wir von dem Ergebnis überrascht. Alle Organisationen sandten ihre Führungskräfte. Alle lobten die Tatsache sich zu versammeln, zu debattieren und Vorschläge zu unterbreiten. Die Mehrheit beklagte sich darüber, dass sie in ihren eigenen Organisationen keinen Raum zur Übernahme von Verantwortung fanden oder direkt, dass sie nicht angehört wurden. Merkwürdigerweise sagten sie auch: "Diese Zusammenkunft war nur möglich weil ihr (die Kirche) sie einberufen habt. Auf eine andere Weise wäre es uns nicht möglich gewesen, zusammenzukommen."

Jugendarbeit heißt, keine Angst zu haben, das eigene Milieu zu verlassen und ohne Berührungsängste zusammen zu führen...

Eine riesige Herausforderung, vor der wir heute in Lateinamerika stehen, ist wie man all das fördert, was mit der Ausbildung zu Bürgern und mit politischer Beteiligung zu tun hat. Die Enttäuschung, Allergie, Ernüchterung und das Misstrauen, die unsere Jugend im allgemeinen der Politik entgegenbringt, ist so stark, dass es sehr schwierig sein wird dies zu überwinden. Das Land, das in dieser Beziehung am meisten gearbeitet ist zweifelsohne Brasilien. Sie führen einmal im Jahr die sogenannten "Woche des Bürgertums" durch und langsam wird das Bewusstsein und die Verantwortung geweckt, mit direktem Einsatz am Aufbau der Gesellschaft mitzuwirken.

Im Februar nächsten Jahres, findet in Quito, Ecuador, das XIII. Lateinamerikanische Treffen der Nationalen Verantwortlichen der Jugendpastoral statt. Das zentrale Thema ist gerade "militancia", also die Bereitschaft zu Engagement und Kampf. Das Ziel ist die Analyse der Ursachen solchen Mangels an Interesse an Politik, die Überprüfung der Aspekte, in denen unsere Pastoral in diesem Sinne ihren Zweck verfehlt hat und die Förderung der Jugend zur Mitarbeit in Instanzen der bürgerlichen Partizipation. Ich rechne mit ihren Gebeten, damit wir die geeignete Methodologie hierzu finden und diesen besorgniserregenden Mangel an Interesse an "öffentlichen Sache" rückgängig machen können.

Was ich nicht über die Tätigkeit mit den Jugendlichen gesagt habe, ist dass man eine ausserordentliche Geduld haben muss, man muss sie begleiten, ihnen Zeit widmen, zulassen dass sie ihre eigenen Überlegungen anstellen und darf nur dann korrigierend eingreifen, wenn es erforderlich ist. Man braucht viel Barmherzigkeit ihren Fehlern und möglichen Meinungsänderungen (die ja Teil ihres Lernens sind) gegenüber, Zärtlichkeit ohne Demagogie und, vor allem, diesen Blick, der uns erlaubt Jesus in ihnen zu erkennen und sie von Herzen zu lieben.

Schlussfolgerung

Nun abschliessend. Unter anderem hat uns die Befreiungstheologie etwas Grundlegendes geschenkt und zwar die Fähigkeit uns in Frage zu stellen, damit wir uns dezentrieren, und die Welt aus der Sicht der Kleinsten, derer, die nicht zählen, der Unbedeutenden , der Armen her wahrnehmen. Die Armen sind nicht nur diejenigen, die keine materiellen Güter besitzen, sondern all diejenigen, die keine Möglichkeit haben ihre Fähigkeiten, Funktionen, ihre Freiheiten auszuüben. Hinter dieser Dezentrierung steht eine Konzeption des Gottes den uns Jesus offenbart hat. Ein Gott der, weit davon entfernt ist apathisch zu sein, er ist "sympathisch" : er ist aufmerksam, er hört und stimmt ein ("all dies ist Sympathie") in den Klageruf seines versklavten Volkes in Ägypten. Er wird zu Fleisch und Blut und wird arm geboren. Er lebt in der Peripherie und zieht die Einfachen und Demütigen vor. Und Er identifiziert sich weiterhin mit ihnen indem er uns das Thema gibt über das wir in der Abendstunde unserer Leben geprüft werden: Die Liebe zu den Geringsten.

Victor Frankl sagt (in "Der leidende Mensch") Die Erziehung muss heute, mehr denn je eine Erziehung zur Verantwortung sein. Wir müssen lernen das zu unterscheiden, was sinnvoll ist und was nicht, was unsere Verantwortung in Anspruch nimmt und was nicht der Mühe wert ist.

Jugendliche lernen durch Vorbilder. Wenn sie keine Verantwortung übernehmen wollen, dann vielleicht deshalb, weil unser Vorbild unverantwortlich ist...

Die "Verantwortung für die eine Welt" lernen wir und trinken wir vom selben Gott der Liebe ist. Jesus, übernahm sie mit seinem Leben und seinem Tod. Und der Heilige Geist, als süsser Gast unserer Seele, leitet uns zu ihr über den Pfad, der (von der conmoción zur comunión) also von der Erschütterung und vom Angerührt sein zur Kommunion führt. Kommunion mit einem selbst, mit Gott und den Anderen.

Damit diese fruchtbare "Erschütterung", die uns dazu führt uns unserer Brüder anzunehmen, in uns hervortritt, ist es nötig zu sehen. Ein volkstümlicher Spruch lautet: "ojos que no ven, corazón que no siente" "Augen, die nicht sehen, führen zu einem Herzen, das nicht fühlt" Aber nicht jeder Blick ist nützlich, sondern nur dieser gläubige Blick, der mich dazu führt die Bedürfnisse anderer als die eigenen anzusehen. Fray Bartolomé de las Casas, Verteidiger der indigenen Völker, sagte mit grosser Schlichtheit: "die Sachen sehen als ob man ein Eingeborener wäre". Ich danke Ihnen dafür dass Sie sich auf diesem Treffen diesen Blick aneignen wollen (und dazu beitragen wollen, dass die Jugendlichen in Deutschland über ihren eigenen Tellerrand blicken).

Ich hoffe Ihnen geholfen zu haben, damit auch Sie immer so sehen können "als wären sie selbst Lateinamerikaner".

Vielen Dank

+ Fernando María Bargalló
Obispo de Merlo-Moreno (Argentina)