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Die Abiturrede im Januar 2008

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Liebe Angehörige und Freunde unserer Studierenden, Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Namen unserer Schulgemeinde begrüße ich Sie alle sehr herzlich hier in der Aula des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums.

Unser besonderer Gruß und unsere Glückwünsche gelten heute Abend den Studierenden, die uns eingeladen haben, mit ihnen die bestandene Reifeprüfung zu feiern.

Ich möchte Ihnen für diese Einladung danken und Ihnen allen von ganzem Herzen zur bestandenen Abiturprüfung gratulieren.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

"NACHTAKTIV UND AUFGEWECKT" so lautete vor vielen Jahren das Motto unserer Schule, in der sich Studierende berufs- oder familienbegleitend auf die Allgemeine Hochschulreife in einem Zweiten Bildungsweg vorbereiten. Auch Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten sind diesen Weg in den vergangenen Jahren erfolgreich gegangen und haben dabei auf Vieles verzichtet. Im Vergleich zu dem Pflichtbesuch eines Gymnasiums im Ersten Bildungsweg ist die Teilnahme an einem Abend- oder Schichtstudiengang mit erheblichen Belastungen verbunden, und deshalb gilt unser Glückwunsch Ihnen Allen, die unter diesen besonders erschwerten Bedingungen durchgehalten haben - ganz unabhängig von der Durchschnittsnote, die Sie in der Abiturprüfung erreicht haben.

Viele hätten ihr Ziel sicherlich nicht erreicht, wenn sie nicht gerade von ihren besten Freunden, ihren Familienangehörigen und sicherlich auch von ihren Lehrern immer wieder ermutigt worden wären, auch in schwierigen Situationen durchzuhalten und nicht aufzugeben.

Ich möchte daher Sie alle heute Abend in unseren Dank einschließen.

Liebe Festgemeinde: Das Jahr 2008, an dessen Beginn wir unsere Abiturienten entlassen, steht im Zeichen des Aufbruchs - für Sie, liebe Abiturienten, die Sie nach dem Abitur zu neuen Ufern aufbrechen, in einem Studium an der Hochschule, oder in einer beruflichen Neuorientierung. Auch das Bistum Essen, das dieses Abendgymnasium trägt und dessen Fahne am Eingang der Schule weht, steht im 50. Jahr seines Bestehens vor einem neuen Aufbruch - unter dieses Leitwort hat unser Bischof Dr. Felix Genn das Bistumsjubiläum gestellt. Und wir können den Kreis der Aufbrüche in den kommenden Jahren noch weiter ziehen, denn nur ein Jahr nach der Gründung des Ruhrbistums, im Jahre 1959 hat der Erste Bischof von Essen, Dr. Franz Hengsbach unsere Schule ins Leben gerufen, und so feiern wir am 01. Oktober 2009 unser Schuljubiläum, einen neuen Aufbruch. Diese beiden Aufbrüche können sich im Jahre 2010 zu einem Aufbruch der Menschen in dieser Region verbinden, wenn die Stadt Essen stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt Europas wird.

Ein Aufbruch - das wissen Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten am besten - ist nicht immer einfach - er ist für viele Menschen mit schwer kalkulierbaren Risiken, er ist auch mit Schmerzen verbunden. Ich denke hier an diejenigen Studierenden, die ihre Heimat verlassen haben - fernab von Deutschland, in Afrika, Asien, im Mittleren Osten, um hier im Ruhrgebiet eine neue Perspektive für eine bessere Zukunft zu suchen. Für sie sind der Schmerz der Trennung von der Familie und der Verlust der eigenen Heimat der Preis für den Aufbruch, den sie zahlen.

Als Sie sich dann an dieser Schule angemeldet haben, da war auch dies für Sie ein neuer Aufbruch - weg von einem gemütlichen Abend vor dem Fernseher, in der Disco oder im Kino hin zu einer doppelten Belastung von Schule und Beruf weit bis in den späten Abend hinein.

Einige unter Ihnen - das weiß ich aus meinen Beratungsgesprächen - haben während ihres Studiums ihre Berufstätigkeit aufgegeben, um sich auf das Abitur zu konzentrieren.

Studierende, die einen berufsbegleitenden Lehrgang am Abendgymnasium besuchen, entscheiden sich für diesen Weg häufig in einer persönlichen oder beruflichen Krise. Sie empfinden ihre Situation als Sackgasse, aus der heraus sie einen Ausweg suchen. Im Chinesischen hat das Wort Krise zwei Bedeutungsvarianten: Chance und Danger, Chance und Gefahr.

Menschen, die Zukunft gestalten in unserer Heimat, dem Ruhrgebiet, in Kirche und Gesellschaft, kennen die Bedeutung dieses Wortes aus eigener Erfahrung. Sie sehen nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen der Veränderung, und damit stehen sie in einer langen Tradition von Lehrenden und Studierenden an unserer Schule.

Am Abend des Schulfestes habe ich mich mit zwei Abiturienten des Jahrgangs 1971 unterhalten, der eine Arzt in Mülheim, vorher Maurer, der andere Notar in Essen, vorher Bergarbeiter.

Mit ihren Lebensbiographien symbolisieren sie exemplarisch den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Was hat ihnen die Schule, das Abendgymnasium mitgegeben? Noch wichtiger als das Wissen als Grundlage für ein erfolgreiches Studium - so diese Studierenden - waren die Werte, die sie im Unterricht von ihren Lehrern empfangen haben, als bleibende Orientierung im Studium und im Beruf.

Wenn Studierende des Jahrgangs 1971 sich nach 36 Jahren in dieser personalen Weise an den Samen erinnern, der damals eingepflanzt wurde, dann sind sie auch Mutmacher für alle, die sich heute - wie Sie, liebe Abiturienten - auf einen neuen Weg begeben - im Vertrauen darauf, dass die Hoffnung auf eine gute Zukunft, auf neue persönliche Perspektiven in Beruf und Hochschule das kompensieren, was Sie im Zeichen eines neuen Aufbruchs aufgegeben haben.

Einer, der die Studierenden unserer Schule auf diesem Weg als Namenspatron glaubwürdig begleitet, ist der Bergmann und Journalist Nikolaus Groß. Über seinem Leben stand als Leitwort der Name des Schachtes, auf dem er als junger Mann eingefahren ist: "Auf Gott gewagt und ungewiss"

Viele Menschen im Ruhrgebiet, vor allem die aus der jüngeren Generation, teilen diese Lebenserfahrung. Sie können daher ganz sicher sein, dass Sie der Selige Nikolaus Groß auf diesem Weg begleiten wird.

Und wenn Sie einmal Zeit bei dem Einkauf auf der Kettwiger Straße haben, dann besuchen Sie doch den Dom und in ihm vorne links die Goldene Madonna und rechts die Kapelle für Nikolaus Groß. In seiner Person verbinden sich am Beginn dieses neuen Jahres die besten Wünsche für einen Aufbruch für Sie, liebe Abiturienten, für unser Bistum und für unsere Schule und für unsere Heimat, das Ruhrgebiet.

Im Gegensatz zu einigen von uns haben Sie die Chance, die 100. Wiederkehr dieser Jubiläen in den Jahren 2058 und 2059 persönlich zu erleben. Nutzen Sie die Zeit zwischen 2008 und 2058 - verpflichtet einer langen Tradition - verkörpert in den Bildern der Persönlichkeiten dort an der Wand der Aula, aber auch in dem Bewusstsein, dass Ihre Generation alle Chancen hat, ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten und die Zukunft von Kirche und Gesellschaft mitzugestalten.

Und so wünsche ich Ihnen, Ihren Angehörigen und Freunden und Ihnen, Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Sie unsere Studierenden auf diesem Weg begleitet haben, einen schönen Abend in unserem Hause, ein gutes und gesundes neues Jahr 2008 und Gottes Segen auf allen Ihren Wegen.

Bernhard Nadorf, Schulleiter