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14. Januar 2005: Abiturrede des Schulleiters |
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Als Leiter des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums darf ich Sie alle ganz herzlich hier in der Aula unserer Schule begrüßen; Sie, liebe Abiturienten, die Sie im Mittelpunkt dieser Feier stehen, Sie, liebe Eltern, Geschwister und Ehepartner, die Sie unsere Abiturienten auf diesem nicht immer einfachen Weg begleitet und unterstützt haben und Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Sie unsere Studierenden auf die Abiturprüfung vorbereitet haben. Der Prüfungsstress liegt hinter uns. Heute wird gefeiert. Im Namen der Schulgemeinde gratuliere ich unseren Abiturienten ganz herzlich zur bestandenen Reifeprüfung. Ich überbringe Ihnen auch die Glückwünsche unseres Bischofs Dr. Felix Genn und unseres Generalvikars Herrn Dr. Hans-Werner Thönness. Sie freuen sich mit Ihnen über die bestandene Reifeprüfung und wünschen Ihnen Gottes Segen für Ihre persönliche und berufliche Zukunft. Insgesamt haben 32 Studierende die Abiturprüfung bestanden und viele von Ihnen haben hervorragende Ergebnisse erzielt. Die Leistungen unserer Studierenden spiegeln sich jedoch nicht nur in den Durchschnittsnoten auf den Abiturzeugnissen wider. Jeder von Ihnen, liebe Abiturienten, hat eine außergewöhnliche Leistung erbracht. Das Abendgymnasium ist eine Schulform, die erhebliche Anforderungen an die Belastbarkeit seiner Studierenden stellt. Dies gilt sowohl für die Teilnehmerinnen der Vormittagskurse als auch für die Studierenden, die den Unterricht am Abend besuchen. Wer den Tagesablauf einer Hausfrau und Mutter kennt, weiß, dass es nicht einfach ist, die Versorgung eines Familienhaushaltes und die Erziehung der Kinder mit der persönlichen Weiterbildung zu verbinden und jeden Morgen "Aufgeweckt" zum Unterricht zu erscheinen. Wenn unsere Mütter ihre Kinder ins Bett bringen, beginnt für unsere nachtaktiven Studierenden die vierte Unterrichtsstunde. Sie haben einen Acht-Stunden Tag als Arbeiter, Angestellte oder Beamte hinter sich, bevor sie in unsere Schule kommen und sich bis um 21.30 Uhr mit mathematischen Formeln, lateinischer Grammatik oder mit englischen Vokabeln beschäftigen. Zum vierten Male entlassen wir heute auch Studierende, die parallel zu ihrer Schichtarbeit vormittags und abends am Unterricht teilgenommen haben. Auch ihnen gilt unser Respekt und unsere Anerkennung für die ungewöhnliche Leistung in einem berufsbegleitenden Schichtsystem. Die Noten auf Ihren Zeugnissen sind das Ergebnis einer gemeinsamen Leistung, an der alle, die im Bereich von Bildung und Erziehung Verantwortung tragen, in unterschiedlicher Weise beteiligt sind: Vom Ministerium und der Schulaufsicht in Düsseldorf, über den Schulträger dieses Abendgymnasiums, das Bistum Essen, den Schulleiter und nicht zuletzt die Lehrerinnen und Lehrer, die Sie auf diese Abiturprüfung vorbereitet haben. Ich möchte daher bei dieser Gelegenheit den Kolleginnen und Kollegen, die Sie in der Kursphase unterrichtet haben, ganz besonders herzlich danken. Wenn ich gerade in diesen Tagen, in denen über die Finanzprobleme unseres Bistums Essen besonders intensiv diskutiert wird, die Teilleistung unseres Schulträgers würdige und ihm eine sehr gute Note gebe, dann ist dies auch ein Zeichen der Verbundenheit in schwieriger Zeit. Das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium vorher Bischöfliches Abendgymnasium ist die erste Schulgründung des Bistums Essen. Das Ziel dieser Bildungseinrichtung, die von katholischen Christen im Ruhrgebiet getragen und finanziert wird, besteht darin, möglichst vielen jungen Menschen, insbesondere auch den Zuwanderern in diese Region die Chance zu eröffnen, ihren Lebensweg durch die Allgemeine Hochschulreife entscheidend zu verändern - und dies mittlerweile seit 46 Jahren mit über 2000 Abiturienten. Unsere Schule ist das einzige Weiterbildungskolleg in der Bundesrepublik Deutschland, das flexible Unterrichtszeiten für Schichtarbeiter mit parallelem Lehrereinsatz im Vormittags- und Abendbereich anbietet. Indem sie Menschen, die bisher von jeder berufsbegleitenden Weiterbildung ausgeschlossen waren, eine Perspektive für ein Hochschulstudium eröffnet, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Ausschöpfung aller intellektuellen Ressourcen in einem Land, das international gerade wegen seiner vergleichsweise niedrigen Abiturientenzahlen kritisiert wird. In wenigen Wochen werden wir den ersten Vorkurs aufnehmen, der an dem Zentralabitur im Jahre 2008 teilnehmen wird. Auch unter diesen Voraussetzungen werden wir uns bemühen, die Zahl unserer Abiturienten durch den Ausbau unseres schulinternen Förderungssystems weiter zu erhöhen, um einen Beitrag zur Chancengerechtigkeit und zur Zukunft dieser Region zu leisten. Dabei geht es uns als einer Weiterbildungseinrichtung in der Trägerschaft des Bistums Essen nicht nur um die Vermittlung intellektueller Kompetenzen und der notwendigen Grundlagen für ein Hochschulstudium, sondern in Sonderheit auch um Grundwerte und Grundeinstellungen. Lassen Sie mich dies an einem Beispiel verdeutlichen, das zum einen die Geschichte dieser Schule zum anderen aber auch Ihre persönliche Identität berührt: In diesen Tagen gehen meine Gedanken zurück an die Feier der Namengebung am 25. Januar 1995. Es ist 10 Jahre her, dass wir den Weg von der Alten Synagoge bis in diese Aula genommen haben, einmal um an die sog. Reichspogromnacht zu erinnern, zum anderen aber auch, um dieser Schule nach einem Widerstandskämpfer zu benennen, der sich in dunkler Zeit für die Würde des Menschen und gegen den Rassismus eingesetzt hat. Als dann etwa 6 Jahre später, am 7. Oktober 2001 Nikolaus Groß in Rom zur Ehre der Altäre erhoben wurde, hat der Papst für die "intercession", die Fürsprache des neuen Seligen vier große Anliegen in besonderer Weise hervorgehoben: Die Wohlfahrt der Familie, die Welt der Arbeit, die Massenmedien und den Kampf gegen den Rassismus. Wer genauer hinsieht, erkennt in dieser globalen Verehrung des neuen Seligen Nikolaus Groß die Studierenden unserer Schule wieder: Da sind die Frauen und Mütter aus dem Vormittagsbereich, die berufstätigen Studierenden, die sich am Abend oder parallel zur Schichtarbeit weiterbilden und da sind nicht zuletzt auch unsere ausländischen Studierenden, die - wie die Eltern von Nikolaus Groß - in das Ruhrgebiet gezogen sind, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Gerade in diesem letzten Punkt, im Einsatz der Weltkirche gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbindet sich die Ehrung unseres Namengebers mit dem Schulprogramm des Abendgymnasiums, dem Bistum Essen und dem Ruhrgebiet. Die Kirchen kennen keine Fremden. Und so ist unsere Schule ein Ort der Begegnung, in dem Menschen unterschiedlicher Nationalität und Kultur aufeinandertreffen. Einige der Abiturienten, die wir heute verabschieden, haben bei ihrer Bewerbung Zeugnisse vorgelegt, die ins Deutsche übersetzt waren. Sie wurden in Polen, Österreich, in Afghanistan oder in der ehemaligen DDR ausgestellt. Ich möchte heute noch einmal ganz besonders die Leistung unserer ausländischen Studierenden hervorheben: Wenn wir uns vorstellen, wie schwierig es für uns wäre, an einem Abendgymnasium in Warschau, Kabul oder Ankara zu studieren, dann können wir ermessen und nachvollziehen, was sie in den vergangenen Jahren geleistet haben. Sie, liebe Studierende, haben unsere Schule mit der Eigenart und der Andersartigkeit Ihrer kulturellen und historischen Erfahrungen bereichert, dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken. Diese Schule hat Studierende aus unterschiedlichen Kulturen und Nationalitäten zu einer persönlichen Begegnung zusammengeführt. Nie ist mir dies so bewusst geworden wie an dem Morgen des Schulfestes, als ich so ca. um 3 Uhr einer Studierenden aus Schramberg in Bayern und einer Studierenden aus Tasburun in der Türkei zugehört habe. Sie haben sich über die Unterschiedlichkeiten, aber auch über die Gemeinsamkeiten ihrer Lern- und Lebensbiographien ausgetauscht. Solche authentischen persönlichen Begegnungen bilden nach meiner festen Überzeugung die Grundvoraussetzung für den Abbau von Vorurteilen und den Aufbau einer Kultur, die von gegenseitigem Respekt und vom Willen zur Versöhnung getragen ist. Auch diese Grundwerte von Respekt, Toleranz und der Bereitschaft zur Versöhnung, verbinden Ihre Identität mit dieser Schule; es sind Werte, die bleiben - lange nachdem Sie diese Schule verlassen haben. Ruhrgebiet meets the world - dies ist das Leitwort das die vielfältigen Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft kennzeichnen könnte. Auch Sie, liebe Abiturienten, haben sich mit ihren unterschiedlichen Biographien in den Jahren hier an der Schule miteinander in einer Klassengemeinschaft vernetzt. Lassen Sie dieses Netz nicht reißen, sondern führen Sie es virtuell, im Internet weiter. Als Ehemalige dieser Schule gehören Sie weiter zu unserer Schulgemeinde. Sie sind an ihrer alten Schule immer herzlich willkommen, sowohl beim Schulfest im November als auch bei Klassentreffen hier im Hause. Ruhrgebiet meets the world - dies ist auch das Motto des Weltjugendtages, zu dem der Papst die Jugend der Welt im August dieses Jahres nach Essen und nach Köln einlädt. Diese Einladung darf ich im Namen unseres Bischofs auch an Sie weitergeben. Liebe Studierende, Liebe Angehörige, Liebe Kolleginnen und Kollegen: Ich freue mich, dass Sie heute Abend hier sind und wünsche Ihnen eine unbegrenzt lange, schöne Abiturfeier in unserem Hause, ein gutes neues Jahr und Gottes Segen für Ihre persönliche Zukunft. |
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