Veröffentlicht im Januar 2002 auf den Seiten des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums

Abitur im Dezember 2001


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Der Abschied von der Schule
Der Abschied von der Schule,
um fünf Uhr morgens

Abiturrede des Schulleiters Oberstudiendirektor i.K. Bernhard Nadorf am 21.12.2001



Liebe Abiturienten, Liebe Angehörige, Liebe Kolleginnen und Kollegen, und - last but not least, Liebe Kinder

Als Leiter des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums darf ich Sie alle ganz herzlich hier in der Aula unserer Schule begrüßen; Sie, liebe Abiturienten, die Sie im Mittelpunkt dieser Feier stehen, Sie, liebe Eltern, Geschwister und Ehepartner, die Sie unsere Abiturienten auf diesem nicht immer einfachen Weg begleitet und unterstützt haben und Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Sie unsere Studierenden auf die Abiturprüfung vorbereitet haben.
Der Prüfungsstress liegt hinter uns. Heute wird gefeiert. Im Namen der Schulgemeinde gratuliere ich unseren Abiturienten ganz herzlich zur bestandenen Reifeprüfung. Ich überbringe Ihnen auch die Glückwünsche unseres Bischofs Dr. Hubert Luthe und unseres Dezernenten Herrn Oberstudiendirektor Manfred Nicht. Sie freuen sich mit Ihnen über die bestandene Reifeprüfung und wünschen Ihnen Gottes Segen für Ihre persönliche und berufliche Zukunft.
Liebe Festgemeinde: Die Abiturientia des Jahres 2001 ist die größte in der über vierzigjährigen Geschichte unserer Schule. 53 Studierende haben die Abiturprüfung bestanden und viele von ihnen haben hervorragende Ergebnisse erzielt. Die Leistungen unserer Studierenden spiegeln sich jedoch nicht nur in den Durchschnittsnoten auf den Abiturzeugnissen wider. Jeder von Ihnen, liebe Abiturienten, hat eine ungewöhnliche Leistung erbracht.
Das Abendgymnasium ist eine Schulform, die erhebliche Anforderungen an die Belastbarkeit seiner Studierenden stellt. Dies gilt sowohl für die Teilnehmerinnen der Vormittagskurse als auch für die Studierenden, die den Unterricht am Abend besuchen. Wer den Tagesablauf einer Hausfrau und Mutter kennt, weiß, dass es nicht einfach ist, die Versorgung eines Familienhaushaltes und die Erziehung der Kinder mit der persönlichen Weiterbildung zu verbinden und jeden Morgen "Aufgeweckt" zum Unterricht zu erscheinen.
Wenn unsere Mütter ihre Kinder ins Bett bringen, beginnt für unsere nachtaktiven Studierenden die vierte Unterrichtsstunde. Sie haben einen Acht-Stunden Tag als Arbeiter, Angestellte oder Beamte hinter sich, bevor sie in unsere Schule kommen und sich bis um 21.30 Uhr mit mathematischen Formeln, lateinischer Grammatik oder mit englischen Vokabeln beschäftigen. Zum dritten Male entlassen wir heute auch Studierende, die parallel zu ihrer Schichtarbeit vormittags und abends am Unterricht teilgenommen haben. Auch ihnen gilt unser Respekt und unsere Anerkennung für die ungewöhnliche Leistung in einem berufsbegleitenden Schichtsystem.

Als sie sich, liebe Abiturienten, vor einigen Jahren hier am Abendgymnasium angemeldet haben, da haben Sie ein Zeugnis wie dieses vorgelegt.
Es stammt aus dem Jahre 1912 und ist das Schulentlassungszeugnis des vierzehnjährigen Nikolaus Groß aus Niederwenigern. Seine Biographie - so heißt es im neuen Schulprogramm des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums - verbindet ihn mit vielen Studierenden unserer Schule, die ihren persönlichen Lebensweg durch den Erwerb der Hochschulreife und ein anschließendes Studium entscheidend verändert haben. Wie viele von Ihnen machte er nach dem Besuch der Volksschule eine Lehre - als Hauer auf der Zeche, damals ein typischer Beruf hier im Ruhrgebiet - und er bildete sich während des ersten Weltkriegs in Abendkursen fort - damals gab es noch keine Abendgymnasien - , um auf dieser Grundlage eine Führungsposition in der katholischen Arbeiterbewegung zu übernehmen. Für ihn war die Weiterbildung also kein Selbstzweck, sondern immer auch verbunden mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich für die sozialen Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen einzusetzen. Sein politisches Handeln in der Auseinandersetzung mit Rassismus und Nationalsozialismus - als Chefredakteur einer auch im Ruhrgebiet weitverbreiteten Arbeiterzeitung - war geprägt durch Geradlinigkeit, Zivilcourage und Glaubenstreue. Am 23. Januar 1945 wurde er in Berlin Plötzensee ermordet, am 7. Oktober dieses Jahres hat ihn Papst Johannes Paul II zur Ehre der Altäre erhoben.

Seligsprechung von Nikolaus Groß am 7. Oktober 2001 in Rom

Eine Momentaufnahme: Die Piazza San Pietro In Rom und die Franziskanerstraße 67 in Essen. Am Vormittag wurde die Feier aus Rom übertragen, nachmittags dann die Fernsehsendung zum gleichen Thema aus der Cafeteria nebenan. Es war wohl eine der ungewöhnlichsten Seligsprechungen in der 2000jährigen Geschichte der katholischen Kirche:
Ein Arbeiter aus Niederwenigern, ein Familienvater, kein Priester oder Ordensmann, eine Zeit von nur 13 Jahren von der Ansprache des Papstes im Parkstadion bis zur Feier auf dem Petersplatz - wie ein Kurienkardinal betonte - die schnellste in der Geschichte der katholischen Kirche - , ein Papst aus Polen, der die Schrecken des zweiten Weltkrieges aus eigener Anschauung miterlebt und ein Bischof von Essen, dessen Vater das Totengedenken für diesen verfemten Widerstandskämpfer gedruckt hat und nicht zuletzt eine Schule, die sich seit der Namengebung immer wieder - von einem eigenen Buch über die Geschichte des sozialen und politischen Katholizismus im Ruhrgebiet bis hin zur Überreichung einer Petition in Rom - aktiv für diese Ehrung eingesetzt hat. Auch einige von Ihnen, liebe Abiturienten, waren jedenfalls zum Teil - live dabei, am Freitag in St. Ignacio und dann später auf dem Petersplatz.
Am Morgen des 7. Oktober hat der Papst für die "intercession", die Fürsprache des neuen Seligen vier große Anliegen in besonderer Weise hervorgehoben:
Die Wohlfahrt der Familie, die Welt der Arbeit, die Massenmedien und den Kampf gegen den Rassismus. Wer genauer hinsieht, erkennt in dieser globalen Verehrung des neuen Seligen Nikolaus Groß die Studierenden unserer Schule wieder: Da sind die Frauen und Mütter aus dem Vormittagsbereich, die berufstätigen Studierenden, die sich am Abend oder parallel zur Schichtarbeit weiterbilden und da sind nicht zuletzt auch unsere ausländischen Studierenden, die - wie die Eltern von Nikolaus Groß - in das Ruhrgebiet gezogen sind, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen.
Gerade in diesem letzten Punkt, im Einsatz der Weltkirche gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verbindet sich die Ehrung unseres Namengebers mit dem Schulprogramm des Abendgymnasiums, dem Bistum Essen und dem Ruhrgebiet.
Die Kirchen kennen keine Fremden. Und so ist unsere Schule ein Ort der Begegnung, in dem Menschen unterschiedlicher Nationalität und Kultur aufeinandertreffen.
Einige der Abiturienten, die wir heute verabschieden, haben bei ihrer Bewerbung Zeugnisse vorgelegt, die ins Deutsche übersetzt waren. Sie wurden in Polen, Kasachstan, in Rumänien oder in Brasilien ausgestellt. Ich möchte heute noch einmal ganz besonders die Leistung unserer ausländischen Studierenden hervorheben: Wenn wir uns vorstellen, wie schwierig es für uns wäre, an einem Abendgymnasium in Warschau, Karaganda, in Bukarest oder Rio de Janeiro zu studieren, dann können wir ermessen und nachvollziehen, was sie in den vergangenen Jahren geleistet haben. Sie, liebe Studierende, haben unsere Schule mit der Eigenart und der Andersartigkeit Ihrer kulturellen und historischen Erfahrungen bereichert, dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich danken.
Liebe Festgemeinde: In wenigen Tagen werden Sie nicht mehr mit der alten deutschen Mark, sondern mit dem Euro bezahlen. Diese gemeinsame Währung ist auch ein Symbol für die Überwindung von Krieg, Hass und Gewalt, die unsere Geschichte in Europa, die Geschichte der Generation von Papst Johannes Paul II, Bischof Dr. Hubert Luthe und Nikolaus Groß geprägt haben. Es zeigt die zunehmende Vernetzung zwischen den Menschen, die eigentliche Voraussetzung für die Überwindung von Rassismus und Völkerfeindschaft.
Auch Sie, liebe Abiturienten, haben sich mit ihren unterschiedlichen Biographien in den Jahren hier an der Schule miteinander in einer Klassengemeinschaft vernetzt. Lassen Sie dieses Netz nicht reißen, sondern führen Sie es virtuell, im Internet weiter.
Als Ehemalige dieser Schule gehören Sie weiter zu unserer Schulgemeinde. Sie sind an ihrer alten Schule immer herzlich willkommen, sowohl beim Schulfest im November als auch bei Klassentreffen hier im Hause.

Liebe Studierende, Liebe Angehörige, Liebe Kolleginnen und Kollegen: Ich freue mich, dass Sie heute Abend hier sind und wünsche Ihnen eine unbegrenzt lange, schöne Abiturfeier in unserem Hause, ein gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute für Ihre persönliche Zukunft.


Bericht aus der NRZ vom 28. Dezember 2001





Neue Rhein-Ruhr-Zeitung am 28.12. 2001
JOACHIM BÄUMER

Das Abiturzeugnis unterm Weihnachtsbaum - für so manchen Schüler ein frommer Wunsch, für die Studierenden des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums Realität: 53 Abiturienten hatten sich kurz vor dem Jahreswechsel selbst belohnt und halten nun das "Reifezeugnis" in ihren Händen - wobei dieser Begriff bei so manchem Absolventen fehl am Platze wirkt.
Denn an Reife mangelt es auch ohne Zeugnis kaum einem Abiturienten des Abendgymnasiums, so zum Beispiel Ursula Kriege. Die 55-Jährige ist immerhin Mutter dreier erwachsener Kinder, also alles andere als ein Backfisch. "Die größte Sorge meiner Kinder war, dass ihre Mutter ein besseres Abitur hinlegt", erinnert sich Ursula Kriege amüsiert. Nun, den familiären Zensurenkampf hat die reife Abiturientin für sich entschieden: Eine bemerkenswerte 1,7 steht auf ihrem Abschlusszeugnis.

Dem kleinen Sohn etwas bieten können


"Seit 20 Jahren ist es mein Traum gewesen, das Abitur nachzuholen", so die ehemalige Schülerin der Viktoriaschule. Jetzt sitzt sie fröhlich lächelnd noch einmal im Lehrerzimmer des Abendgymnasiums, ihre Freude und ihr Stolz sind förmlich greifbar. Auch bei ihrer Mitschülerin Jasmin Herschel, die neben ihr Platz genommen hat. 22 Jahre Altersunterschied trennen die beiden, beim Notendurchschnitt sieht es wesentlich enger aus: Mit 2,0 hat die 23-Jährige ihr Abitur bestanden, das in ihrer Lebensplanung eigentlich ein paar Jahre früher vorgesehen war. Doch in der zwölften Klasse machte ihr jemand einen Strich durch die Abi- Rechnung:
Jasmin Herschels inzwischen dreijähriger Sohn kündigte sich an, die junge Frau brach die Schule ab - vergaß aber nicht ihre Pläne, verfolgte sie sogar nach eigener Aussage zielstrebiger: "Schließlich will ich meinem Kind etwas bieten können." Zwei Abiturientinnen, zwei Generationen, zwei Beweggründe: Die Zukunft sieht für die beiden Frauen allerdings ähnlich aus. Sich auf dem Erreichten auszuruhen, kommt beiden nicht in den Sinn. "Die Unterlagen für die ZVS liegen schon auf meinem Schreibtisch", so Ursula Kriege, die in Bochum ein Studium der Kunstgeschichte aufnehmen will. Jasmin Herschel mag's etwas nüchterner. "Ich liebe Mathe" so die bei Schülern rar gesäte Selbstauskunft der jungen Frau, die sich den Titel einer Diplom-Mathematikerin zum Ziel gesetzt hat.
Und so unterschiedlich der Weg der beiden Frauen in Zukunft auch sein mag, an ihre Schulzeit werden sie sich gerne zurück erinnern. "Ich habe mich gefühlt wie ein Schwamm", wundert sich Ursula Kriege immer noch über ihren Wissensdurst und lobt das Klima am Abendgymnasium: "Das Verhältnis zu den Lehrern war ausgesprochen kollegial, was bei Lehrern und Schülern an 'normalen' Schulen ja nicht immer so ist." Und Jasmin Herschel ergänzt: "Unsere Lehrer haben sich unheimlich viel Mühe gegeben. An meiner alten Schule war das nicht immer so."